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29.07.2006 von Marcel Pott

In Damaskus und in Teheran reiben sich die Mächtigen die Hände

Marcel Pott über Mohamed-Karikaturen, Mythen und Stereotype

Wenn erst die vielen Toten auch dieses arabisch-israelischen Krieges bestattet sind und vor allem im Libanon die horrenden Kosten für die zerstörten Wohnhäuser, Strassen, Brücken, See- und Flughäfen geschätzt sind, wird sich der Nahe Osten wahrscheinlich einer Lage gegenübersehen, die weder Israel noch die USA so herbeiführen wollten. Denn mit diesem überwiegend aus der Luft geführten Krieg, kann und wird es nicht gelingen, die Hisbollah auszuschalten oder sie zu entwaffnen.

Dazu müsste Israel unter hohem Blutzoll den Süden erobern, die östliche Bekaa-Ebene in seine Gewalt bringen und die dicht besiedelten südlichen Vorstädte von Beirut einnehmen. Das bestätigen internationale Militärexperten, darunter auch der ehemalige deutsche NATO-General Kuhlau. Und: die politische Isolierung von Syrien und dem Iran wird auf diese Weise auch nicht gelingen.

Israel und Amerika wollen den Hardlinern in Damaskus und in Teheran das von ihnen ursprünglich geschaffene Instrument Hisbollah aus der Hand schlagen. Damit soll ihnen die Chance genommen werden, die islamistische Organisation als regionalpolitisch wirksame Waffe gegen den „zionistischen Feind“ Israel und dessen Schutzmacht Amerika einzusetzen. Aus Sicht der USA besitzen Iran und Syrien mit Hisbollah ein gefährliches Störpotential, das den Nahen Osten nach Belieben an den Rand einer folgenreichen Eskalation bringen kann.

Sicherlich erhält Hisbollah-Chef Nasrallah nicht alle seine Befehle aus Teheran und Damaskus. Er führt eine inzwischen eigenständige Massenbewegung, die bei den libanesischen Schiiten tief verwurzelt ist. Doch logistisch ist Nasrallah von Syrien abhängig. Seine Waffen, vor allem die Raketen, erhält er über syrisches Gebiet. Im innerlibanesischen Labyrinth ist Hisbollah der wichtigste Verbündete der Syrer, quasi ihre letzte Bastion. Die Bindung von Hisbollah an den Iran ist noch viel enger.

Die Mullahs liefern die Katijuscha- und Fajr-Raketen an sie und finanzieren die Gruppe mit geschätzten 50 bis 100 Millionen Dollar im Jahr. Ganz entscheidend ist der ideologische Einfluss des Iran auf die militanten Schiiten im Libanon. Nasrallah und seine Anhänger folgen den Ideen des verstorbenen Revolutionsführers Ajatollah Khomeini. Wie Khomeini, der Hisbollah 1982 gründen liess, um die Islamische Revolution aus dem Iran in die arabische Welt zu exportieren, sieht Nasrallah in Hisbollah die Vorkämpferin aller Muslime in der Welt.

Auch wenn Hisbollah auf libanesischem Parkett eigenständig agiert, so steht doch fest, dass sich ihre Führung regionalpolitisch in allen strategisch wichtigen Fragen zuerst mit dem Iran und dann mit Syrien abstimmt. Je länger der brutale Krieg dauert, desto mehr reiben sich die Mächtigen in Damaskus und Teheran die Hände. Nicht nur, dass Israel offenbar die militärische Stärke von Hisbollah unterschätzt hat. Das Ausmass der Zerstörung der zivilen Infrastruktur im Libanon, die Bilder der toten Kinder auf den arabischen TV- Kanälen, die Weigerung der USA, der israelischen Militärmaschinerie Einhalt zu gebieten, all das spielt in die Hände der Drahtzieher dieses Konflikts.

Angesichts der Übermacht Israels erscheint der „Mut der tapferen Hisbollah-Kämpfer“ in den Augen der arabisch-islamischen Massen als „selbstlose Opferbereitschaft“. „Nur Hisbollah kämpft noch für die Rechte der Araber“, nachdem sich Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien durch ihre Kritik an Hisbollah auf die „Seite des Feindes geschlagen haben“. Das ist Wasser auf die Mühlen der Mullahs in Teheran, die ihren Schützling Hisbollah als standfesten Verteidiger der arabischen Ehre gegen die Übermacht des Feindes auftreten lassen können. „Hisbollah wird seine Waffen solange nicht abgeben, bis Palästina befreit ist“, ertönt es und läßt die Schiiten als Speerspitze für die Palästinenser auftreten.

Darauf hat das iranische Regime schon lange gewartet. Damaskus wiederum ist voller Flüchtlinge aus dem Libanon. Das Regime präsentiert sich der arabischen Öffentlichkeit als Helfer in der Not. Es sieht endlich eine Chance, seine arabische und internationale Isolierung zu durchbrechen und signalisiert Gesprächsbereitschaft nach Washington und hat dabei die israelisch besetzten Golanhöhen vor Augen.


Das Assad-Regime fürchtet leer auszugehen, wenn der Nahe Osten allein nach israelisch-amerikanischen Vorstellungen neu geordnet wird. Auf Hisbollah wird der syrische Präsident Assad nur dann positiv einwirken, wenn der Golan als Gegenleistung winkt und Amerika davon ablässt, die Existenz seines Regimes zu bedrohen. Ähnlich verhält es sich mit Teheran. Solange die Mullahs fürchten müssen, dass die USA ihr System beseitigen wollen, wird der Iran nicht einlenken. Hisbollah hat Israel einen Tag vor dem G 8 Gipfel angegriffen, bei dem die iranische Atom-Akte wieder auf den Tisch gekommen ist.

Während die US-Aussenministerin Condoleeza Rice ominös von der Geburt eines neuen nahen Ostens spricht, signalisieren die Mullahs, dass sie neben Hisbollah noch über andere Druckmittel verfügen und zwar im Irak und in Afghanistan und in Palästina. Eins ist klar, ohne die Zustimmung Syriens und des Iran wird es keine dauerhafte Entwaffnung von Hisbollah geben.

Marcel Pott, Kölner Stadtanzeiger, 29. Juli 2006

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