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05.02.2006 von Marcel Pott

Feindbild Orient – Feindbild Westen

Marcel Pott über Mohamed-Karikaturen, Mythen und Stereotype

Bedauerlicherweise haben die jüngsten Ereignisse in Zusammenhang mit den ursprünglich in Dänemark veröffentlichten Mohammad-Karikaturen gezeigt, dass viele der gängigen Vorurteile, Stereotype und Klischees, die man im Westen über Araber und Muslime pflegt, sehr lebendig sind.

Dasselbe gilt umgekehrt auch für die arabisch-islamische Welt, deren kollektiver Blick auf den Westen,
in diesem Fall vornehmlich auf Europa, oft getrübt ist - bedingt durch Unkenntnis der politischen Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnisse in freiheitlichen Demokratien. Doch möchte ich mich an dieser Stelle beschränken auf das, was uns selbst, die Europäer, betrifft.

Wer in jüngster Zeit die unvermeidlich scheinenden Polit-Talkshows und Gesprächsrunden auf deutschen Fernsehkanälen verfolgt hat, dem ist aufgefallen, dass hier bei uns ein belehrender Ton vorherrscht, der offensichtlich aus dem Überlegenheitsgefühl gespeist wird, einer aufgeklärten, säkularisierten Gesellschaft anzugehören. Und deshalb wird den „Anderen, die noch nicht soweit sind“, de facto eine Diskussion und eine argumentative Auseinandersetzung auf gleicher Augenhöhe verwehrt.

Jenseits von berechtigter, ja notwendiger Kritik an den gewalttätigen Übergriffen von Demonstranten gegenüber westlichen Botschaften in einigen arabischen Metropolen, scheint bei uns ein tiefverwurzeltes Unverständnis für die Sensibilität von Muslimen verbreitet zu sein, die ihre religiösen Kernsymbole als sakrosankt und vor allem in der Öffentlichkeit als unantastbar betrachten. Nur, weil wir selbst diese Sensibilität seit einiger Zeit, - übrigens noch nicht so langer Zeit, - verloren haben, brauchen wir uns angeblich auch nicht um die Verletzbarkeit religiöser Gefühle von Gläubigen anderer Kulturen zu scheren.

Dabei verweisen wir stolz auf die für uns angeblich unantastbare Pressefreiheit, die keinerlei Tabu unterworfen werden dürfe, tatsächlich aber erhebliche Einschränkungen erfährt bei Themen, die wir mit einem für uns relevanten Tabu belegt haben. Unabhängig von einem behaupteten Bilderverbot im Islam, stellt sich die Frage, ob es wirklich an uns ist, weltweit und apodiktisch darüber zu entscheiden, wer im religiösen Bereich, - in welcher Kultur auch immer, - publizistische Grenzüberschreitungen hinzunehmen hat ?

Wenn es stimmt, dass die dänischen Karikaturisten nur den islamistisch geprägten Terrorismus satirisch aufs Korn nehmen wollten, mussten sie dazu den Propheten Mohammad selbst zum Terroristen stempeln? Jeder x-beliebige Mann mit langem Bart und mit den bekannten äusseren Bekleidungsmerkmalen militanter Islamisten hätte diesem Zweck auch genügt. Der Verdacht drängt sich auf, dass es hier nicht um die satirische Zuspitzung des islamistischen Extremismus, sondern um eine gezielte und kalkulierte Provokation der Muslime insgesamt ging.

Abgesehen von diesem aktuellen und höchst lehrreichen Beispiel über die Macht der Bilder in der Darstellung des anderen, sind folgende Aspekte zu beachten, die die Berichterstattung aus und über die arabische Welt beeinflussen. Jeder Korrespondent schleppt bei seiner Arbeit die eigene sozio-kulturelle Vorprägung mit sich herum. Nur wenige sind frei von Vor-Urteilen und Klischees, nicht zuletzt durch politische Grundhaltungen, die - oft unbewusst - geprägt sind durch bestimmte Positionen, die die deutsche und auch die europäische bzw. die westliche Politik im Nahen und Mittleren Osten einnehmen.

Konkret heisst das: In den Zeiten des kalten Krieges gab es gute, weil pro-westliche, arabische Staaten und böse, weil sowjetnahe arabische Länder. Dabei spielte es keine Rolle, ob diese pro-westlichen Regime ihre Bevölkerung unterdrückten und die Menschenrechte mit Füssen traten. Ein treffendes Beispiel ist die Einordnung der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Die PLO wurde a priori im pro-sowjetischen Lager verortet, ohne die einzelnen Gruppen, wie etwa die national-konservative Al Fatah, genauer unter die Lupe zu nehmen. Dieses Verständnis war auch dadurch geprägt, dass Israel als Teil des Westens betrachtet wurde, also „zu uns gehörte“.


Gängige Rede war und ist heute: „Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten“. Damit ist oft eine konkludente Parteinahme für Israel verbunden, die bis zu einem gewissen Grade auch eine Rechtfertigung für Israels Palästina-Politik in den besetzten Gebieten zur Folge hatte und hat.

Das Wort vom „Krieg gegen den Terror“ hat inzwischen einen festen Platz in der veröffentlichten Meinung. Jedermann weiss, dass der 11. September 2001 nicht nur das amerikanische Bewusstsein, sondern auch das Denken in Europa und in der arabischen Welt beeinflusst und verändert hat. Vor diesem Hintergrund liess die Beschäftigung mit dem „Islamismus“ hoffen, dass hier in den Medien eine differenzierte Darstellung dieses Phänomens in den Vordergrund tritt. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Nur vereinzelt stösst das deutsche Publikum auf die notwendige Unterscheidung zwischen politischen
Islamisten, missionarischen Islamisten und jihadistischen Islamisten. Die erste Gruppe will in den arabischen Ländern durch politische Reformen, - etwa durch Wahlen, - Veränderungen auf legalem Wege erreichen, quasi mit einem gewaltlosen Marsch durch die Institutionen ihre an den Werten des Islam orientierten Ziele umsetzen. Die Missionare unter den Islamisten setzen auf die Stärkung des Glaubens und der Verankerung islamischer Grundwerte in der Bevölkerung.

Dadurch erhoffen sie sich eine moralische und spirituelle Erneuerung als Basis für gutes Regieren und eine kollektive Heilsbringung. Nur die Jihadisten vom Schlage eines Osama Bin Laden predigen die Gewalt. Ihnen ist jedes Mittel recht; sie wollen durch Terror die politische und die militärische Macht an sich reissen, um die „ungläubigen“ Herrscher in der islamischen Welt zu entthronen, die mit dem „korrupten“, moralisch verderbten Westen gemeinsame Sache machen.

Veranstaltungsreihe „Der neue Orient“ im Rahmen der „Annemarie Schimmel lectures 2006“, Gremiensaal der Deutschen Welle (Bonn) Februar 2006

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